Thunensia – Ansichten und Geschichten einer Stadt – Schloss Thun forscht

Forschung — Thunensia

Schloss Thun forscht

Thunensia – Ansichten und Geschichten einer Stadt

Veduten und Stiche, Fotografien und Postkarten, Pläne und Plakate: Als «Thunensia» bewahren wir jene Objekte unserer Sammlung, die die Geschichte Thuns erzählen – der Tourismusstadt am Tor zum Berner Oberland, der Militärstadt, der Stadt berühmter Gäste von Goethe bis Brahms. Hier erschliessen wir diese vielfältigen Bestände wissenschaftlich, erzählen ihre Geschichten und vernetzen sie mit Archiven, Bibliotheken und digitalen Sammlungen.

Ansicht von Schloss Thun – Daguerreotypie von Franziska Möllinger, 1844, aus der Sammlung des Schlossmuseums Thun
Franziska Möllinger: Ansicht von Schloss Thun, Daguerreotypie, 1844 – eines von nur zwei erhaltenen Originalen der ersten Fotografin der Schweiz, bewahrt in unserer Sammlung

Kaum eine Schweizer Kleinstadt ist so oft gezeichnet, gestochen, gemalt und fotografiert worden wie Thun. Schon die Kleinmeister des 18. Jahrhunderts verkauften ihre Veduten von Stadt, See und Alpenkette an die ersten Alpenreisenden; im 19. Jahrhundert wurde die Stadt am Tor zum Berner Oberland endgültig zum Bildmotiv für ein Weltpublikum – bis hin zu den farbigen Photochromdrucken und Ansichtskarten der Belle Époque.

Die Stiftung Schloss Thun bewahrt in ihrer Sammlung von über 17’000 Objekten einen reichen Bestand solcher Thunensia: Veduten und Druckgrafiken, Gemälde, Fotografien, Postkarten, Pläne, Plakate und Erinnerungsstücke. Zu den Kostbarkeiten gehört die Daguerreotypie des Schlosses Thun von Franziska Möllinger aus dem Jahr 1844 – eines von nur zwei erhaltenen Originalen der ersten Fotografin der Schweiz. Und die früheste bekannte Fotografie der Stadt überhaupt, eine Daguerreotypie von Joseph-Philibert Girault de Prangey aus dem Jahr 1840, wird heute im J. Paul Getty Museum in Los Angeles aufbewahrt: Thun war von der ersten Stunde der Fotografie an ein Motiv.

Vieles davon ist erst in Ansätzen erforscht. Mit dem Forschungsprojekt «Thunensia» erschliessen wir diese Bestände wissenschaftlich: Wir inventarisieren, datieren und bestimmen die Blätter, klären ihre Herkunft – und erzählen die Geschichten, die in ihnen stecken. Dabei vernetzen wir unsere Sammlung mit den Archiven, Bibliotheken und digitalen Plattformen, auf denen das Bildgedächtnis Thuns heute zugänglich ist.

Die Tourismusstadt des 19. Jahrhunderts

Mit dem ersten Dampfschiff auf dem Thunersee (1835), der Eisenbahn aus Bern (1859) und Grandhotels wie dem Thunerhof wurde Thun zur Drehscheibe des Oberländer Fremdenverkehrs. Für die Gäste entstanden Panoramen und Reiseandenken, Hotelprospekte, Plakate und Ansichtskarten in riesiger Zahl – eine Bildproduktion, die bis heute prägt, wie die Welt Thun sieht. Unsere Thunensia dokumentieren diese Epoche der Gastfreundschaft so dicht wie kaum eine andere.

Thun mit Schloss und Blüemlisalp – kolorierter Photochromdruck aus der Belle Époque, um 1890–1905
Thun mit Schloss und Blüemlisalp – Photochromdruck, um 1890–1905 (Library of Congress, Photochrom Prints Collection)

Die Militärstadt

1819 nahm die eidgenössische Militärschule auf der Thuner Allmend ihren Betrieb auf – bis heute ist Thun der grösste Waffenplatz der Schweiz. Ihr berühmtester Absolvent: Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., der ab 1830 in Thun ausgebildet wurde, 1834 Hauptmann der Berner Artillerie wurde und im «Freienhof» logierte. Uniform- und Kasernenbilder, Manöverfotografien und Erinnerungsstücke erzählen dieses Kapitel der Stadtgeschichte.

Berühmte Gäste

Johann Wolfgang Goethe machte 1779 auf seiner zweiten Schweizerreise in Thun Station, Heinrich von Kleist wohnte 1802 mehrere Monate auf einer Aareinsel vor der Stadt – dem heutigen Kleist-Inseli. Johannes Brahms verbrachte drei Sommer (1886–1888) im Hofstettenquartier und komponierte hier unter anderem sein Doppelkonzert; der Brahmsquai erinnert daran. Und Ferdinand Hodler lernte sein Handwerk beim Thuner Vedutenmaler Ferdinand Sommer. Die berühmten Gäste haben Spuren im Stadtbild hinterlassen – und in den Bildern und Erinnerungsstücken unserer Sammlung.

Neues aus der Forschung

Die ersten Forschungsbeiträge – etwa zur Möllinger-Daguerreotypie von 1844, zu den Veduten der Kleinmeister oder zu den Fotografien des Thuner Verlagshauses Krebser – erscheinen hier laufend.

Die englischen Fassungen aller Beiträge finden Sie auf der englischen Projektseite.

Die Thunensia online entdecken

Das Bildgedächtnis Thuns ist heute auf viele Sammlungen verteilt – ein grosser Teil davon ist frei im Netz zugänglich:

Archive und Quellen

Zum Weiterlesen

Ein besonderer Ort: das Thun-Panorama

Zu den grossartigsten Thunensia überhaupt gehört ein Werk, das nicht bei uns, sondern gleich um die Ecke zu Hause ist: das Thun-Panorama von Marquard Wocher (1760–1830). Der Basler Kleinmeister zeichnete ab 1809 von einem Dach an der Kreuzgasse aus die Stadt ringsum und malte danach in Basel das monumentale Rundbild: rund 7,5 auf 38 Meter Leinwand, ein sonntäglicher Rundblick über Gassen, Dächer, See und Alpen, belebt von mehreren hundert Figuren – das älteste erhaltene Rundpanorama der Welt.

Ein kommerzieller Erfolg war das 1814 in Basel eröffnete Panorama nicht: Es wechselte nach Wochers Tod mehrfach die Hand, wurde eingelagert und beinahe vergessen – bis es in den 1950er-Jahren wiederentdeckt wurde und nach Thun zurückkehrte. Seit 1961 steht es in einer eigenen Rotunde im Schadaupark, 2014 wurde es umfassend restauriert; heute gehört es der Gottfried Keller-Stiftung und wird vom Kunstmuseum Thun betreut. Ein Besuch im Thun-Panorama gehört zu jedem Thunensia-Programm – und wer nicht warten mag, erkundet es interaktiv am Bildschirm.

Sie forschen selbst zur Thuner Bildgeschichte, betreuen eine Sammlung oder ein Archiv? Wir freuen uns über den Austausch: info@schlossthun.ch.

Was zeigt Ihre Ansicht von Thun? Melden Sie sie uns

Vielleicht hängt bei Ihnen ein alter Stich der Stadt, liegt ein Fotoalbum aus Grossmutters Zeiten im Estrich oder eine Schachtel Ansichtskarten im Keller? Wir freuen uns über jede Meldung – so wächst das Bildgedächtnis der Stadt. Unsere Fachleute helfen Ihnen gerne, Ihre Ansicht einzuordnen und zu datieren. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Markt- oder Versicherungswerte schätzen.

z. B. Fotografie, Postkarte, Stich, Gemälde, Plan oder Plakat – mit Massen und allfälligen Beschriftungen, Stempeln oder Signaturen
Motiv, Herkunft oder Familiengeschichte – alles hilft bei der Einordnung. Fotos senden Sie uns am einfachsten per E-Mail an info@schlossthun.ch.

Crowdfunding

Thunensia-Forschung unterstützen

Inventarisieren, datieren, erforschen und erzählen: Die wissenschaftliche Erschliessung der Thunensia braucht Zeit und Fachwissen. Mit Ihrer Spende machen Sie diese Arbeit möglich – und helfen mit, das Bildgedächtnis Thuns für kommende Generationen zu sichern. Herzlichen Dank!

Bitte vermerken Sie «Thunensia» im Mitteilungsfeld Ihrer Spende, damit wir sie dem Projekt zuordnen können.

Die Objekte selbst erleben

In der Dauerausstellung im Donjon erzählen ausgewählte Objekte die Geschichte von Stadt und Region – von der Vedute bis zum Erinnerungsstück. Mehr zur Sammlung mit ihren über 17’000 Objekten finden Sie auf unserer Sammlungsseite – und wer tiefer eintauchen möchte, wird in den Jahresberichten seit 1923 fündig.