Forschung — Thunensia
Schloss Thun forscht
Thunensia – Ansichten und Geschichten einer Stadt
Veduten und Stiche, Fotografien und Postkarten, Pläne und Plakate: Als «Thunensia» bewahren wir jene Objekte unserer Sammlung, die die Geschichte Thuns erzählen – der Tourismusstadt am Tor zum Berner Oberland, der Militärstadt, der Stadt berühmter Gäste von Goethe bis Brahms. Hier erschliessen wir diese vielfältigen Bestände wissenschaftlich, erzählen ihre Geschichten und vernetzen sie mit Archiven, Bibliotheken und digitalen Sammlungen.

Kaum eine Schweizer Kleinstadt ist so oft gezeichnet, gestochen, gemalt und fotografiert worden wie Thun. Schon die Kleinmeister des 18. Jahrhunderts verkauften ihre Veduten von Stadt, See und Alpenkette an die ersten Alpenreisenden; im 19. Jahrhundert wurde die Stadt am Tor zum Berner Oberland endgültig zum Bildmotiv für ein Weltpublikum – bis hin zu den farbigen Photochromdrucken und Ansichtskarten der Belle Époque.
Die Stiftung Schloss Thun bewahrt in ihrer Sammlung von über 17’000 Objekten einen reichen Bestand solcher Thunensia: Veduten und Druckgrafiken, Gemälde, Fotografien, Postkarten, Pläne, Plakate und Erinnerungsstücke. Zu den Kostbarkeiten gehört die Daguerreotypie des Schlosses Thun von Franziska Möllinger aus dem Jahr 1844 – eines von nur zwei erhaltenen Originalen der ersten Fotografin der Schweiz. Und die früheste bekannte Fotografie der Stadt überhaupt, eine Daguerreotypie von Joseph-Philibert Girault de Prangey aus dem Jahr 1840, wird heute im J. Paul Getty Museum in Los Angeles aufbewahrt: Thun war von der ersten Stunde der Fotografie an ein Motiv.
Vieles davon ist erst in Ansätzen erforscht. Mit dem Forschungsprojekt «Thunensia» erschliessen wir diese Bestände wissenschaftlich: Wir inventarisieren, datieren und bestimmen die Blätter, klären ihre Herkunft – und erzählen die Geschichten, die in ihnen stecken. Dabei vernetzen wir unsere Sammlung mit den Archiven, Bibliotheken und digitalen Plattformen, auf denen das Bildgedächtnis Thuns heute zugänglich ist.
Die Tourismusstadt des 19. Jahrhunderts
Mit dem ersten Dampfschiff auf dem Thunersee (1835), der Eisenbahn aus Bern (1859) und Grandhotels wie dem Thunerhof wurde Thun zur Drehscheibe des Oberländer Fremdenverkehrs. Für die Gäste entstanden Panoramen und Reiseandenken, Hotelprospekte, Plakate und Ansichtskarten in riesiger Zahl – eine Bildproduktion, die bis heute prägt, wie die Welt Thun sieht. Unsere Thunensia dokumentieren diese Epoche der Gastfreundschaft so dicht wie kaum eine andere.

Die Militärstadt
1819 nahm die eidgenössische Militärschule auf der Thuner Allmend ihren Betrieb auf – bis heute ist Thun der grösste Waffenplatz der Schweiz. Ihr berühmtester Absolvent: Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., der ab 1830 in Thun ausgebildet wurde, 1834 Hauptmann der Berner Artillerie wurde und im «Freienhof» logierte. Uniform- und Kasernenbilder, Manöverfotografien und Erinnerungsstücke erzählen dieses Kapitel der Stadtgeschichte.
Berühmte Gäste
Johann Wolfgang Goethe machte 1779 auf seiner zweiten Schweizerreise in Thun Station, Heinrich von Kleist wohnte 1802 mehrere Monate auf einer Aareinsel vor der Stadt – dem heutigen Kleist-Inseli. Johannes Brahms verbrachte drei Sommer (1886–1888) im Hofstettenquartier und komponierte hier unter anderem sein Doppelkonzert; der Brahmsquai erinnert daran. Und Ferdinand Hodler lernte sein Handwerk beim Thuner Vedutenmaler Ferdinand Sommer. Die berühmten Gäste haben Spuren im Stadtbild hinterlassen – und in den Bildern und Erinnerungsstücken unserer Sammlung.
Neues aus der Forschung
Die ersten Forschungsbeiträge – etwa zur Möllinger-Daguerreotypie von 1844, zu den Veduten der Kleinmeister oder zu den Fotografien des Thuner Verlagshauses Krebser – erscheinen hier laufend.
Die englischen Fassungen aller Beiträge finden Sie auf der englischen Projektseite.
Die Thunensia online entdecken
Das Bildgedächtnis Thuns ist heute auf viele Sammlungen verteilt – ein grosser Teil davon ist frei im Netz zugänglich:
- thunensis.com – Thun historisch – das virtuelle Archiv zur Thuner Geschichte: Tausende Bilder und Dokumente in über 70 Themenkapiteln, von den Bahnhöfen über die Hotels bis zum Militär, pointiert und unterhaltsam erzählt. Viele Thunensia begegnen Ihnen dort digital, eingebettet in ihre Geschichten – samt nützlicher Linksammlung.
- Wocher-Panorama interaktiv – das Thun-Panorama von 1814 hochauflösend am Bildschirm erkunden, Figur für Figur.
- Burgerbibliothek Bern – über 1400 historische Ansichten von Thun im Online-Katalog – und die Fotosammlung der Familie Krebser, der fotografische Schatz des Thuner Verlagshauses, digitalisiert durch Memoriav.
- Bildarchiv der ETH-Bibliothek – über eine halbe Million historische Fotografien, darunter zahlreiche Thun-Aufnahmen.
- Photochrom-Sammlung der Library of Congress – die farbigen Photochrom-Ansichten von Thun um 1900, hochauflösend und frei nutzbar.
- J. Paul Getty Museum – die Daguerreotypien des Fotopioniers Girault de Prangey, darunter die früheste bekannte Aufnahme Thuns (1840).
- KIMnet und mmBE-Sammlungskatalog – Objekte aus unserer Sammlung in den Katalogen der Schweizer und Berner Museen.
Archive und Quellen
- Stadtarchiv Thun – das Gedächtnis der Stadt, mit Online-Findbuch zu den Beständen.
- e-newspaperarchives.ch – das «Thuner Wochenblatt» (ab 1838) und das «Thuner Tagblatt» digitalisiert: die Zeitungen zu unseren Bildern.
- Thuner Stadtgeschichte 1798–2018 – «das einmalige Buch online»: die neuere Geschichte der Stadt in Text und Bild.
- DigiBern – digitalisierte Bernensia zu Thun, darunter die alten Adressbücher der Stadt.
- Zeitreise mit swisstopo – Thun im Kartenbild seit 1864 – und thunintime.ch – Thun damals und heute im Fotovergleich.
Zum Weiterlesen
- Markus Krebser: Mein liebes Thun – ein Rundgang vor 150 Jahren, Thun 2025 – 370 grösstenteils unveröffentlichte Fotografien aus der Belle Époque; die erweiterte Neuausgabe des Klassikers von 1980, erschienen im Verlag Krebser.
- Thun-Thunersee Tourismus – Ein Jahrhundert Gastfreundschaft, Thun/Gwatt 2026 – das Jubiläumsbuch zu 100 Jahren organisierter Gastfreundschaft am Thunersee: Pioniere, Meilensteine und ein Blick in die Zukunft.
- Karl Friedrich Ludwig Lohners Chronik der Stadt Thun, hrsg. von Gertrud Züricher – die klassische Stadtchronik des 19. Jahrhunderts, digital auf e-rara.
- Und natürlich unsere eigenen Jahresberichte seit 1923 – mit zahlreichen Beiträgen zur Sammlung und zur Stadtgeschichte.
Ein besonderer Ort: das Thun-Panorama
Zu den grossartigsten Thunensia überhaupt gehört ein Werk, das nicht bei uns, sondern gleich um die Ecke zu Hause ist: das Thun-Panorama von Marquard Wocher (1760–1830). Der Basler Kleinmeister zeichnete ab 1809 von einem Dach an der Kreuzgasse aus die Stadt ringsum und malte danach in Basel das monumentale Rundbild: rund 7,5 auf 38 Meter Leinwand, ein sonntäglicher Rundblick über Gassen, Dächer, See und Alpen, belebt von mehreren hundert Figuren – das älteste erhaltene Rundpanorama der Welt.
Ein kommerzieller Erfolg war das 1814 in Basel eröffnete Panorama nicht: Es wechselte nach Wochers Tod mehrfach die Hand, wurde eingelagert und beinahe vergessen – bis es in den 1950er-Jahren wiederentdeckt wurde und nach Thun zurückkehrte. Seit 1961 steht es in einer eigenen Rotunde im Schadaupark, 2014 wurde es umfassend restauriert; heute gehört es der Gottfried Keller-Stiftung und wird vom Kunstmuseum Thun betreut. Ein Besuch im Thun-Panorama gehört zu jedem Thunensia-Programm – und wer nicht warten mag, erkundet es interaktiv am Bildschirm.
Sie forschen selbst zur Thuner Bildgeschichte, betreuen eine Sammlung oder ein Archiv? Wir freuen uns über den Austausch: info@schlossthun.ch.
Was zeigt Ihre Ansicht von Thun? Melden Sie sie uns
Vielleicht hängt bei Ihnen ein alter Stich der Stadt, liegt ein Fotoalbum aus Grossmutters Zeiten im Estrich oder eine Schachtel Ansichtskarten im Keller? Wir freuen uns über jede Meldung – so wächst das Bildgedächtnis der Stadt. Unsere Fachleute helfen Ihnen gerne, Ihre Ansicht einzuordnen und zu datieren. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Markt- oder Versicherungswerte schätzen.
Crowdfunding
Thunensia-Forschung unterstützen
Inventarisieren, datieren, erforschen und erzählen: Die wissenschaftliche Erschliessung der Thunensia braucht Zeit und Fachwissen. Mit Ihrer Spende machen Sie diese Arbeit möglich – und helfen mit, das Bildgedächtnis Thuns für kommende Generationen zu sichern. Herzlichen Dank!
Bitte vermerken Sie «Thunensia» im Mitteilungsfeld Ihrer Spende, damit wir sie dem Projekt zuordnen können.
Die Objekte selbst erleben
In der Dauerausstellung im Donjon erzählen ausgewählte Objekte die Geschichte von Stadt und Region – von der Vedute bis zum Erinnerungsstück. Mehr zur Sammlung mit ihren über 17’000 Objekten finden Sie auf unserer Sammlungsseite – und wer tiefer eintauchen möchte, wird in den Jahresberichten seit 1923 fündig.